Fabian über Möglichkeiten und strategische Themen

Dieses Thema im Forum "Der Verein" wurde erstellt von Herr Bert, 24. November 2022.

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    Seit dem 1. September ist Patrick Fabian der neue Geschäftsführer Sport beim VfL Bochum 1848. Für den 35-Jährigen der nächste Schritt in seiner langjährigen Vereins-Vita, die vor über 22 Jahren ihren Anfang nahm. Der Einstieg erfolgte für ihn mit maximaler Beschleunigung, kaum zwei Monate nach Beginn seiner Tätigkeit als Leiter der Lizenzmannschaft. Im Interview spricht er über die zurückliegenden, intensiven Wochen mit Trainerwechsel, Aufholjagd und Mitgliederversammlung. Außerdem gibt er einen Ausblick auf die XXL-Winterpause und mögliche Veränderungen.


    Patrick Fabian, Geschäftsführer Sport – hast du dich an dieses Jobprofil schon gewöhnen können?
    Zeit zur Eingewöhnung gab es im Grunde nicht. Es liegen intensive Monate hinter uns, mit sehr vielen Themen und gewichtigen Entscheidungen. Der Trainerwechsel von Thomas Reis zu Thomas Letsch war sicher das beherrschende Thema der ersten Wochen, verbunden mit dem schwachen Saisonstart. Aber auch die parallel laufende Entscheidungsfindung zur Neustrukturierung der Leitung unseres Talentwerks war unter strategischen Gesichtspunkten ebenso sehr bedeutend.

    Die Anfangstage waren alles andere als vergnügungssteuerpflichtig?
    So etwas gehört eben auch dazu. Die sechs Niederlagen zum Auftakt erweisen sich noch immer als schwere Hypothek im Kampf um den Klassenerhalt. Wir haben nach der Niederlage auf Schalke eine gründliche Analyse durchgeführt und, sahen trotz der prekären Lage nach wie vor die relle Chance auf den Ligaverbleib. Somit haben wir einen Wechsel auf der Cheftrainerposition für notwendig erachtet und zunächst Heiko Butscher die Mannschaft interimsweise anvertraut. Unter seiner Regie konnten wir den ersten Punkt in dieser Saison einfahren, das gilt es zu würdigen.

    Wie lief die Trainersuche ab?
    Wir reden hier über eine der Schlüsselpositionen eines Clubs. Insofern ist die Auswahl eines Cheftrainers mit äußerster Sorgfalt durchzuführen. Auch wenn man den Wechsel im laufenden Wettbewerb durchführen muss und der zeitliche Druck somit deutlich erhöht ist. Davon darf man sich nicht treiben lassen. Unter Einbeziehung aller definierten Kriterien fiel die Wahl sehr schnell auf Thomas Letsch. Er ist erfahren, klar strukturiert, ist kommunikativ und verfolgt einen spielerischen Plan, der gut zur Philosophie des Clubs passt. Wir mussten aufgrund der schwierigen Ausgangslage den Spagat bewältigen, jemanden zu finden, der kurzfristige Erfolgseffekte erzielen und dennoch mittel- bis langfristig etwas gestalten und entwickeln kann. Ich bin froh, dass wir ihn und Co-Trainer Jan Fießer für den VfL gewinnen konnten.

    Die kurzfristigen Erfolgseffekte sind eingetreten.
    Zum Zeitpunkt der Übernahme hatte die Mannschaft einen Punkt und war Tabellenletzter. Schalke war fünf Punkte von uns entfernt, Augsburg acht, Köln neun Punkte voraus. Aus neun Pflichtspielen hat die Mannschaft unter der Führung von Thomas Letsch nunmehr fünf Siege eingefahren, vier davon in der Bundesliga. Aus dem einsamen Abstiegskampf ist nun ein Wettbewerb geworden, in dem wir in Schlagdistanz sind. Noch haben wir aber überhaupt nichts erreicht, das betone ich immer wieder. Die Sinne müssen weiter geschärft bleiben.

    Die Mannschaft nimmt das an?
    Sie hat sich definitiv stabilisiert. Die gesamte Struktur auf dem Feld ist stabiler geworden, auch die individuellen Leistungen haben sich stabilisiert. Unser Stadion ist wieder zu einer Festung geworden. Wir sind in jedem Spiel der Außenseiter, schaffen es dennoch, auch Mannschaften aus den oberen Tabellenregionen zu bezwingen. Die zwei Siege zuletzt geben Auftrieb.

    Kam da die WM-Pause nicht zum falschen Zeitpunkt?
    Könnte man meinen, sehe ich aber anders. Natürlich möchte man weiter auf der Erfolgswelle reiten. Doch wir haben nun die Chance, mit dem neuen Trainerteam an den Dingen zu arbeiten, die Thomas Letsch wichtig sind. Die Gruppe bleibt zusammen, wir haben außer dem sehr erfolgreich gestarteten Takuma Asano keinen Spieler, den wir zur WM abstellen müssen. Das tut mir zwar insbesondere für Erhan Mašović und Christopher Antwi-Adjei sehr leid, andererseits können wir nun an den Abläufen arbeiten.

    Es kommen zudem einige zuvor verletzte Spieler zurück.
    Richtig. Jacek Góralski, der sicher auch gerne zur WM gefahren wäre, hat sehr viel Pech gehabt. Augen-OP, muskuläre Probleme – das hatten wir uns alle anders vorgestellt. Auch Dominique Heintz musste zuletzt zu häufig passen, er wird die Pause zum strukturellen Aufbau nutzen können. Mašović stand in Augsburg ja schon wieder im Kader und hat auch gespielt. Asano kommt hoffentlich fit von der WM zurück. Paul Grave macht Fortschritte, bei ihm wird es aber noch dauern.

    Was ist mit Wintertransfers?
    Das Transferfenster ist im Winter immer speziell. Durch die WM wird es sicher noch etwas komplexer. Wir haben die Möglichkeiten, um aktiv zu werden. Es muss aber auch inhaltlich Sinn ergeben und nicht bloß Aktionismus sein. Eine Mannschaft lebt von Automatismen und Vertrauen. Es ist entscheidend, wann der Gruppe was hinzugefügt wird. Transfers nur zu tätigen, um zu demonstrieren, dass man etwas unternimmt, ist nicht zielführend und könnte für die Gruppe eventuell sogar kontraproduktiv sein. Grundsätzlich sind wir am Markt präsent. Wir schauen, wo wir uns verbessern können. Gleichzeitig wird es aber auch Spieler geben, die mit ihrer Situation bei uns nicht zufrieden sein können. Auch hier gilt es, einzelne Fälle entsprechend zu bewerten und mögliche Veränderungen zu diskutieren.

    Womit der Blick aufs Scouting gelenkt wird. Noch ein Bereich, dem du ein besonderes Augenmerk widmen möchtest.
    Es geht nicht nur um das Scouting, es geht um alle sportlich-inhaltlichen Fragestellungen. In der turbulenten Anfangszeit überlagerte das operative Tagesgeschäft alles andere. Jetzt geht es mehr und mehr darum, auch strategische Themen voranzutreiben. Vertragsverlängerungen inklusive, wie wir es bei der langfristigen Verlängerung bei Patrick Osterhage geschafft haben. Der Wettbewerb um die Spieler, die für den VfL Bochum interessant sind, ist größer geworden. Viele Clubs, mit teilweise größeren finanziellen Mitteln, zielen auf dieselben Märkte ab. Da geht es um Schnelligkeit und Effizienz im Scouting. Wichtig ist es, die eigene Spielidee und einzelne Positionsprofile vorab klar zu definieren. Um den Pool an Spielern zu filtern, können wir uns die technischen Hilfsmittel in Form des Daten- und Videoscoutings zu Nutze machen. Subjektive Wahrnehmungen können so objektiv messbar gemacht werden. Livescouting stellt dann neben dem persönlichen Gespräch den wichtigsten Abschnitt dar. Das kann beides durch nichts ersetzt werden. Darüber hinaus ist der Markt auch immer ein Informationsgeschäft: Es ist wichtig ein Ohr dafür zu haben, wo welcher Spieler vielleicht nicht zufrieden ist oder sich eine Veränderung wünscht. Das alles ist mit entsprechendem Aufwand verbunden und eine klare Teamarbeit. Es soll miteinander diskutiert und die Themen besprochen werden, um so zu einer gemeinsamen Entscheidung zu kommen.

    Scouting war ein Thema auf der Mitgliederversammlung. Auch die neue Struktur unseres Nachwuchsleistungszentrums, dem Talentwerk, hast du dort vorgestellt.
    Unser Ziel muss es sein, das Talentwerk inhaltlich weiter voranzubringen und Lösungen für Schwachstellen in der Struktur oder den Prozessen zu finden. Dafür braucht es ein entsprechendes personelles Fundament. Dieses habe ich auf der Mitgliederversammlung präsentiert. Die jeweiligen Mitarbeiter wissen um den Auftrag und werden es entsprechend angehen.

    Wie hast du die Mitgliederversammlung, deine erste als Geschäftsführer, erlebt?

    Zum einen war es schön, wieder eine Versammlung in Präsenz abhalten zu können. Das bestimmende Thema war ja die Präsidiumswahl. Die Kandidatur von Doc Bauer und seinem Team kam überraschend. Die hat das Umfeld bewegt. Eine solche Wahl hat es seit Jahrzehnten beim VfL nicht mehr gegeben. Man hat gesehen, wie wichtig die Teilhabe der Mitglieder am Verein ist. Sie haben entschieden, das ist gelebte Demokratie.

    Dein Ausblick fürs kommende Jahr?
    Wir haben uns stabilisiert und die Konkurrenzfähigkeit nachgewiesen. Der Anschluss ist wiederhergestellt. Wir sind nun mit einer gänzlich neuen Situation mit einer langen Pause inmitten einer Saison konfrontiert, die es bestmöglich zu bewältigen gilt. Zu Beginn der restlichen Hinrunde kommt Hertha zu uns ins Vonovia Ruhrstadion. Ich bin sehr zuversichtlich, dass wir gemeinsam mit unseren Fans in unserem Stadion wieder die Möglichkeit haben werden, das Spiel erfolgreich zu gestalten. Die Atmosphäre hat uns in den letzten Wochen beflügelt und getragen. Kurzfristig hat die Mannschaft jetzt die Möglichkeit, sich etwas zu erholen. Dann wird im Dezember bis kurz vor Weihnachten trainiert, zu Beginn des Jahres geht es weiter, danach folgt das Trainingslager. Wir haben die Gelegenheit, an der körperlichen Leistungsfähigkeit zu arbeiten und Abläufe weiter zu festigen. In der Rückrunde geht es dann ans Eingemachte, hier fallen die Entscheidungen. Es gilt in jedem Spiel an das Optimum zu kommen, um unser großes Ziel zu erreichen.

    Im dem wir auch noch im DFB-Pokal vertreten sind.
    Der Sieg in Elversberg wird dadurch noch ein wenig mehr aufgewertet. Das Spiel gegen Borussia Dortmund wird ein Highlight, die Vorfreude unserer Fans auf dieses Duell ist schon jetzt spürbar. Ein Alles-oder-nichts-Spiel im eigenen Stadion unter Flutlicht – was will man mehr?
    Zuletzt bearbeitet: 24. November 2022

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